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Datum: 02.03.2003

ID: 237

Zuordnung:
Investitionen
Geografie und Wirtschaftskunde

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Wirtschaft in der Schule (Teil 2)

Mag Dr. Erwin Pöppl

Aus der Praxis der bäuerlichen Arbeitswelt

Über Vermittlung der Schülerin Christina Weinberger haben ihr Vater, Herr Johann Weinberger und ihre Schwester Gerda Weinberger am 7. Mai 2003 in der Klasse 7 C im Fach Geographie und Wirtschaftkunde in einer Unterrichtsstunde aus der Praxis der Landwirtschaft referiert. Johann Weinberger ist Landwirtschaftsmeister und Obmann des Lagerhauses Gmünd-Vitis, seine Tochter Gerda studiert an der »BoKu« Landwirtschaft. In den folgenden Zeilen soll ein Überblick über die angesprochenen Themen geboten werden. Das Sprichwort »Der Bauer deckt den Tisch« muss seit Jahren mit der Ergänzung »und pflegt die Landschaft« erweitert werden. Der Tourismus, dessen Kapital eine intakte und gepflegte Landschaft ist, ist der Landwirtschaft zu Dank verpflichtet. Wie in allen Wirtschaftsbereichen hat auch die Landwirtschaft in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg eine radikale Änderung erfahren. Das Ochsengespann ist vom Traktor mit Computer und Display abgelöst worden. Die äußere Mechanisierung (Arbeit am Feld) und die innere Mechanisierung (Arbeit in Haus und Stall) sind bis zur Automatisierung in einem solchen Ausmaß gediehen, dass ein Marktfrucht-betrieb in einer Größe von 100 ha, dessen Produkte direkt dem Verkauf zugeführt werden, von einer Person geführt werden kann. Der Zusammenhalt in der Familie ist die wesentliche Voraussetzung für den Erfolg eines Betriebes. Der Reiz der Landwirtschaft besteht darin, sein eigener Chef zu sein und über die Zeit frei verfügen zu können, allerdings um den Preis eines nicht gesicherten Einkommens, das hohen Schwankungen unterworfen ist. »Wer aufhört, besser zu werden, hört auf gut zu sein«. Damit hat Herr Weinberger das Fortbildungs- und Schulungssystem angesprochen. Das Fachschulwesen (Stichwort: Edelhof) ist unverzichtbarer Teil der modernen Landwirtschaft geworden. Wer das ganze Angebot nutzt, bringt als Landwirtschaftsmeister jenes Wissen mit, das heute erforderlich ist. »Jeder lernt einen Beruf, der Dümmste kriegt das Haus« wäre heute das baldige Ende eines landwirtschaftlichen Betriebes. Fortbildungsinstitute, Bäuerinnenorganisation und Land-jugend ergänzen das Bildungsprogramm, das von Volkstanz bis zu Berufswettkämpfen wie Pflügen oder Holzarbeit reicht.

Mit der Landwirtschaftskammer auf Bezirks- Landes- u. Bundesebene hat der Beruf eine bestens organisierte Standesorganisation entwickelt, ist nicht zuletzt mit Dr. Erwin Pröll ein Mann der Landwirtschaft Landeshauptmann von NÖ. Allein das Antragswesen hat mit dem Beitritt zur EU einen Umfang entwickelt, der eine kundige Beratung erfordert. Einen umfangreichen Teil widmet Weinberger den Produkten, im speziellen der Kartoffel-verarbeitung in der Gmünder AGRANA und der Maistrocknung in Aschach (OÖ). Neben den bisherigen traditionellen Gütern werden Sonderkulturen wie Roggenpollen, Graumohn, Mariendistel, Kümmel, Johanniskraut, Heilkräuter und Gewürze angesprochen. Bei Alternativkulturen werden die Sonnenblumen, Hanf und Raps erwähnt. Hanf gilt als »kommende« Kulturpflanze, die keinen Dünger braucht. Das geschälte Hanfkorn verbessert den Geschmack des Ö 3-Weckerls. Hanfstroh hat als Dämmmaterial und Plastikerersatz bis hin zur Kfz-Industrie Verwendungschancen. Etwas komplizierter ist der Raps. Einerseits erfordert er einen großen Einsatz an chemischen Substanzen, andererseits ist der Erntetermin auf sehr kurze Zeit beschränkt und muss unbedingt eingehalten werden, sonst gilt die Ernte als verloren. Durch die vermehrte Produktion von Fernwärme hat die Waldwirtschaft einen neuen Stellenwert erhalten. Neben dem traditionellen Urlaub am Bauernhof hat sich in der Nähe von Großstädten ein neuer Trend entwickelt: Man kann eine Patenschaft für Hühner übernehmen, deren Eier man verzehrt. Teile von Feldern werden in pachtähnlicher Form »gemietet«. Damit soll der letzte Rest von Unsicherheit über Herkunft von Lebensmitteln geklärt werden.

Einen massiven Einbruch in das Preisgefüge hat der EU-Beitritt am 1.1.1995 gebracht. Das hat der Referent an 2 Beispielen erklärt. Der Erzeugerpreis für 1 Liter Milch betrug im Dezember 1994 6,92 Schilling, im Jänner 1995 nur mehr 4,76 Schilling. Die Differenz muss durch erhöhte Ausgleichszahlungen gedeckt werden. Ähnlich ist die Situation beim Roggen: Im Jahr 1994 wurde 1 kg mit 2,93 Schilling abgegolten, im Jahr 1995 nur mehr mit 1,30 Schilling, klar weniger als 50 %.

Im zweiten Teil des Referates hat Gerda Weinberger am landläufigen Image von Biobauern, welches sie ironisch mit Wollweste und Holzschuhen umschrieb, kräftig gerüttelt. Wer nach dem Gesetz des öst. Lebensmittelkodex sowie der EG-VO 2092/91 biologisch wirtschaftet und sich freiwillig jährlich mindestens einmal und unangemeldet einer Kontrolle unterzieht, muss ein fundiertes Wissen über die Natur besitzen. Das oberste Prinzip ist das einer Kreislaufwirtschaft, bei dem möglichst keine betriebsfremden Substanzen einfließen und andererseits kein Nährstoffverlust nach außen erfolgen soll. Eine vielfältige Fruchtfolge soll die Fruchtbarkeit und Durchmischung des Bodens garantieren. Dabei kommen der Luzerne als Bodendurchmischer, den Leguminosen als Stickstofffixierer und dem seichten Pflügen besondere Bedeutungen zu. Selbstverständlich ist Gentechnik ein Tabu und als Saatgut darf nur biologisch produziertes verwendet werden, gleiches gilt für die Futtermittel. Die Unkrautregulierung ist mechanisch, bzw. mittels Striegels oder über die Fruchtfolge zu regeln, die Schädlingsbekämpfung auf biologischer Basis. Das erfordert günstige Umstände für die Lebensumstände von Nützlingen, wie beispielsweise Hecken, um den Schädlingen erfolgreich entgegen treten zu können. Eine artgerechte Tierhaltung mit genügend Auslauf lässt nur 2 Kühe/1 Hektar zu, ein Bruchteil im Vergleich zur herkömmlichen Tierhaltung. Natürlich spielt die Kennzeichnung eine besondere Rolle. Ein biologisch produziertes Produkt kann vom Ursprung bis zum Konsumenten lückenlos nachgewiesen werden. Bei den Biozeichen sind das rote BIO-AMA-Symbol, die BIO Ernte AUSTRIA oder das EU-Zeichen mit dem Ährensymbol die gebräuchlichsten. Um Biobauer zu werden, ist der Besuch von Umstellungsseminaren unumgänglich, bei der Fläche sind 2 Jahre Umstellungszeit aufzu-wenden. Die Biobauern unterschieden ihrerseits zwischen organisch-biologisch und biologisch-dynamisch. Österreich hat im Biobauern-Bereich eine besondere Stellung. Unsere Alpenrepublik ist Biobauernland Nr. 1 auf der Welt, ca. 8 % unserer Landwirte produzieren biologisch, das ist weltweit der höchste Prozentsatz. Das sind ca. 18 200 Bauern Österreichs, wobei das Bundesland Salzburg prozentuell führend ist. Nicht jeder Biobauer ist Biobauer aus Überzeugung, bei manchen spielt auch das Argument eines höheren Verkaufspreises eine Rolle, auch arbeiten manche Landwirte nach diesem Prinzip, ohne sich zu deklarieren.

Mit diesen Ausführungen ist es den Referenten, Vater und Tochter Weinberger, in nur 50 Minuten gelungen, den hoch komplizierten Bereich einer modernen Landwirtschaft den Schülern näher zu bringen. Während des Referates sind mitgebrachte Beispiele von Getreide-körnern durch die Sitzreihen gewandert. Landwirtschaft zum Anfassen. Dafür sagen wir auch auf diesem Weg herzlichen Dank.