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Datum: 01.03.2003

ID: 236

Zuordnung:
Investitionen
Geografie und Wirtschaftskunde

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Wirtschaft in der Schule (Teil 1)

Mag. Dr. Erwin Pöppl

Aus der Arbeitswelt eines gewerblichen Mittelbetriebes

Als Ergänzung zum Unterrichtsthema »Betrieb und Unternehmer« habe ich Herrn Kurt Wisgrill sen. in die Klasse 6 A eingeladen, der seinen Betrieb aus der Branche Installation und Heizungsbau bzw. seine Sicht der Dinge in der mittelständischen Wirtschaft darbot. Zur Person: Kurt Wisgrill sen. begann seine Lehre im Jahre 1955 bei der Firma Schwetz in Waidhofen an der Thaya, wo er 15 Jahre als Lehrling und Geselle arbeitete, um 1971 den Weg in die Selbständigkeit anzutreten. Der 2-Personen-Betrieb wuchs inzwischen auf 28 Mitarbeiter an. Im Jahre 2001 hat er den Betrieb seinem Sohn Kurt übergeben.

Den ersten Themenkreis hat der Referent der Ausbildung gewidmet. Nach 3 bzw. 4 Lehrjahren (mit der Qualifikation Heizungsbau ergänzt) und dem Besuch der Berufsschule in Zistersdorf ist die Lehrlingsabschlussprüfung zu absolvieren, bei der bis zu 25 % mangels entsprechender Vorbereitung nicht bestehen. Nach Mindestens 3 Jahren Praxis ist es möglich, zur Meisterprüfung abzutreten. Dem gehen bei hohen eigenen Kosten (unbezahlter Urlaub, Kurse, Unterlagen) monatelange Vorbereitungen zuvor, bevor man die 3 Teile der Prüfung, einen theoretischen Teil in der HTL Mödling, ein Fachgespräch und einen praktischen Teil an einer Baustelle absolvieren muss. Erst nach allen formellen Wegen über die Bezirks-hauptmannschaft und die Handelskammer wird die Konzession erteilt, die ein selbständiges Führen eines Unternehmens erlaubt. Ein zweiter Weg der Ausbildung ist der Besuch und Abschluss der HTL für Installation und Heizungsbau in Pinkafeld. Nach 3 Jahren Praxis ohne besondere Meisterprüfung ist das gleiche Ziel erreicht, wie es u. a. auch Kurt Wisgrill jun. gemacht hat.

Beim zweiten Teil des Gesprächs ist Kurt Wisgrill auf den Start in die Selbständigkeit und den damit verbundenen Risiken eingegangen. Da viele Jungunternehmer oft auf seine solide Gründungberatung verzichten und die Begriff Umsatz und Gewinn nicht trennen können oder wollen, erleiden ca. 60 % der Neugründungen nach 3 Jahren Schiffbruch. Wichtig ist auch, dass ein Maß an Eigenmitteln vorhanden ist und dass man in den ersten Jahren mitarbeitet. Da in den ersten 3 Jahren die Beiträge zur Krankenkasse und zur Pensionsversicherung relativ gering sind, verfallen manche in eine verfrühte Hochstimmung. Die erste Steuerprüfung nach 3 Jahren ist die Stunde der Wahrheit. Die Wahl der richtigen Sparte wie der richtige Zeitpunkt einer Betriebsgründung (bei Installateuren im Frühsommer, ebenso bei typischen Saisonbranchen wie Dachdecker oder Zimmerleuten) sind exakt zu beachten.

Der dritte Teil der Ausführungen betraf die Frage des Anforderungsprofils, speziell der Menschenführung. Aus eigener Erfahrung, wonach vor 40 Jahren ein Lehrling ein »Putzfetzen« war, hat Wisgrill dazu nach radikaler rechtlicher Änderung dieser Umstände dieses Kapitel als das schwierigste bezeichnet. Die Harmonie an der Baustelle, die es nachzuprüfen gilt, ist entscheidend für die Leistung und das Arbeitsklima. Im Laufe der Zeit haben sich in seinem Betrieb 14 Arbeitspartien entwickelt, jeweils bestehend aus einem Auto, dem Werkzeug, einem Gesellen und einem Lehrling. Dabei soll möglichst – mit Ausnahme des Urlaubs – kein Wechsel eintreten. Eine Trennung von einem Mitarbeiter folgt in der Regel bei einem kurzfristigen Abbau von Überkapazitäten. Durch den Einsatz von Leiharbeitern können Auftragsspitzen abgedeckt werden. Der Lehrlingsandrang gilt als sehr gut, wie auch bei Berufen wie Kfz-Mechaniker, Elektriker oder Elektroniker. Weibliche Lehrlinge sind dort anzutreffen, wo ein Chef für seine Tochter die Nachfolge plant. Damit ist er beim Thema Nachfolger gelandet, was bei Klein- u. Mittelbetrieben ein Problem darstellt, da die Jugend miterlebt, wie viele Wochenstunden ein Chef/die Eltern zu leisten hat/haben, und das sind sicher mehr als 40. Der Samstag oder Sonntag sind für Kostenvoranschläge, Rechnungen u.ä. einzuplanen. Er selbst als Seniorchef verbringt noch wöchentlich 50-60 Stunden im Betrieb. Eine Betriebsschließung ist auch finanztechnisch schwierig im Hinblick auf die Abfertigungen, die beträchtliche Kapitalreserven erfordern.

Im Schlusskapitel kam die rasante technische Entwicklung zu Wort. Das Werkzeug eines Schlossers und Installateurs vor 40 Jahren und die heute hoch technisierte sind 2 Welten. Die ersten Heizungsarbeiten fallen in die Jahre 1947/48 zurück. Der heutige technische Standard läst es klug erscheinen, bei wenigen Lieferanten zu bleiben, weil man deren technische Modelle kennt. Für einen Chef ist es notwendig, jedes Gerät zu verstehen und erklären zu können (bzw. Zentralheizung), die Feinabstimmung für den konkreten Betrieb im Haus macht aber eine Spezialist der jeweiligen Lieferfirma.

In den letzten Minuten gibt Wisgrill einen Einblick in die heutige Welt des Energiesparens: Für die Schüler wird in einigen Jahren als »Häuslbauer« ein »Niedrigenergiehaus«, ein «Null-Energie-Haus« oder »Passivhaus« in Frage kommen. Damit sei Herrn Kurt Wisgrill sen. dafür Dank ausgesprochen, dass er die Theorie der Schule durch einen Blick in die Praxis aufgelockert hat.